Werkbrief
Warum wir den Vorkurs heute mehr denn je brauchen
Wenn heute vom Vorkurs gesprochen wird, fallen fast automatisch die immer gleichen Namen.Persönlichkeiten lassen sich erzählen. Aber sie erklären die Geschichte nicht. Aber die Erfindung des Vorkurses ist nicht das Werk einer einzelnen Person. Er ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. Seine Wurzeln liegen in einem Bildungsverständnis, das Gestaltung nicht als Nebensache betrachtet, sondern als eine Form des Erkennens und Denkens. Wer lernt zu sehen, lernt Zusammenhänge zu verstehen.
Die Bilder zeigen die Beiträge des Jahrgangs 2026 im Bernapark. Bespielt wurden verschiedene Orte in der ehemaligen Kartonfabrik – von Nischen und Ecken bis hin zur Tiefgarage. Das Projekt mündete in einem inszenierten Catwalk als Abschluss. Frühere Ausgaben/Durchführungen fanden in Zwischennutzungen statt, beispielsweise in einem Ladenlokal in der Berner Altstadt oder in einer Shedhalle im Wankdorf.
Bilder: SfG BB / Lea Moser, 2026.
Neue Ideen entstanden dabei nicht isoliert, sondern im Austausch, zwischen Kunst und Handwerk, zwischen Werkstätten und Schulen, zwischen Theorie und Praxis. Hier liegt auch die Bedeutung des Werkbunds: nicht als Bühne einzelner Persönlichkeiten, sondern als Ort des Dialogs und des gemeinsamen Nachdenkens über Gestaltung und Bildung.
Die Methoden des Vorkurses waren keine plötzliche Erfindung. Sie verdichteten bestehende Strömungen zu einem überzeugenden Lehrmodell.
Der Vorkurs als gemeinschaftliche Kulturtechnik
In der Schweiz entwickelte sich aus dieser Tradition eine besondere Vorstellung von Gestaltung: Sie war nie ausschliesslich Angelegenheit einer Kunstelite, sondern breit zugänglich, wie es sich für eine Demokratie eigentlich gehört.
Die Zeichnungsschulen des 18. und 19. Jahrhunderts, die Kunstgewerbeschulen des 20. Jahrhunderts und später die Vorkurse verstanden Gestaltung als Allgemeinbildung. Der Umgang mit Material, Farbe und Form sollte nicht nur Designer:innen hervorbringen, sondern Menschen befähigen, ihre gestaltete und gebaute Umwelt kritisch zu verstehen.
Hier liegt ein wichtiger Beitrag der Schweiz und des Schweizer Werkbunds zur Geschichte der Moderne. Der Werkbund war dabei nie nur eine Vereinigung von Gestalter:innen. Er war eine gesellschaftliche Plattform, in der die Frage gestellt wurde: Wie wollen wir leben? Welche Gegenstände umgeben uns? Welche Verantwortung trägt Gestaltung gegenüber der Gemeinschaft?
Was bedeutet der Vorkurs heute?
Die aktuelle Bildungsdiskussion konzentriert sich stark auf technologische, ökonomische und naturwissenschaftliche Kompetenzen. Ohne deren Bedeutung zu schmälern, darf man fragen: Was geschieht mit der Fähigkeit zu sehen, zu unterscheiden und die Welt bewusst wahrzunehmen?
Gerade in einer digitalen Zeit wird die elementare Schulung der Sinne wieder zu einer kulturellen Aufgabe.
Der Vorkurs ist deshalb nicht nur eine Vorbereitung auf eine gestalterische Ausbildung. Er ist eine Schule der Aufmerksamkeit. Er vermittelt eine Haltung, die für eine demokratische Gesellschaft grundlegend ist: genau hinzuschauen, zu analysieren, zu vergleichen und eigenständige Urteile zu entwickeln.
Hier liegt die vielleicht wichtigste Botschaft für den Schweizerischen Werkbund des 21. Jahrhunderts. Nicht die Bewahrung eines historischen Modells, sondern die Verteidigung einer kulturellen Errungenschaft: der Überzeugung, dass Gestaltung zur Allgemeinbildung gehört.
Interview mit Juliane Wolski
Juliane Wolski arbeitet an der Schnittstelle von Gestaltung, Bildung und Kulturvermittlung, ist frei gewähltes Vorstandsmitglied des Schweizerischen Werkbunds (SWB) und an der Schule für Gestaltung Bern und Biel als Verantwortliche für Kommunikation und Medien sowie als Dozentin an der Höheren Fachschule tätig.
MF: Wird die Geschichte des Vorkurses zu stark über die Figur Johannes Itten und das Bauhaus erzählt und zu wenig über die schweizerische Bildungstradition?
Juliane Wolsky: Mich interessiert weniger die Frage, wer den Vorkurs erfunden hat, als die Frage, warum er heute so relevant ist. Gerade in einer Zeit, in der vieles beschleunigt, spezialisiert und digitalisiert wird, bietet der Vorkurs etwas Seltenes: die Möglichkeit, durch Wahrnehmen, Ausprobieren und praktisches Arbeiten eigene Interessen, Fähigkeiten und Fragestellungen zu entwickeln.
Und um auf deine Frage zu kommen: Ja, manchmal wird die Geschichte etwas zu stark über Johannes Itten und das Bauhaus erzählt. Der Vorkurs mag die Erfindung des Bauhauses sein, seine pädagogischen Grundidee waren jedoch bereits früher in den schweizerischen Gewerbe- und Kunstgewerbeschulen verankert. Die Geschichte des Vorkurses ist deshalb auch die Geschichte einer schweizerischen Bildungskultur.
MF: Welche Bedeutung hat Pestalozzis Idee von „Kopf, Herz und Hand“ für die heutige Gestaltungslehre?
Juliane Wolsky: Das Motto wirkt inzwischen etwas abgenutzt, weil es so oft zitiert wird. Trotzdem beschreibt es noch immer erstaunlich präzise, worum es in der Gestaltungslehre geht: Gestaltung entsteht nie allein im Kopf. Gute Ideen entwickeln sich im Zusammenspiel von Denken, Wahrnehmen und Handeln. Wer entwirft, recherchiert, beobachtet, zeichnet, baut Modelle, verwirft Ansätze und beginnt wieder von vorne. Lernen entsteht dabei im Tun.
Natürlich haben sich die Werkzeuge verändert. Heute arbeiten wir mit digitalen Programmen, Plattformen und künstlicher Intelligenz. Sie eröffnen neue Möglichkeiten für Recherche, Visualisierung und Entwurf. Aber sie ersetzen weder die Erfahrung noch das Experiment noch die Auseinandersetzung mit Material, Form und Kontext. Gerade diese Entwicklung macht Pestalozzis Gedanken heute wieder besonders relevant. Je mehr Routineaufgaben von Maschinen übernommen werden, desto wichtiger werden jene Fähigkeiten, die sich nicht automatisieren lassen: Wahrnehmung, Urteilsvermögen, Empathie, Haltung und die Fähigkeit, Bedeutung zu schaffen.
MF Welche Elemente des klassischen Vorkurses sind heute gefährdet?
Juliane Wolsky: Gefährdet ist aus meiner Sicht weniger der Vorkurs als Idee, sondern vielmehr der Zugang zu ihm.
Das zeigt sich im Kanton Bern sehr deutlich. 2014 wurde der klassische gestalterische Vorkurs aufgehoben. Das Propädeutikum für Kunst und Design blieb bestehen, richtet sich jedoch ausschliesslich an Maturand*innen mit Studienabsichten. Für Jugendliche aus der Volksschule verschwand damit ein wichtiges öffentlich finanziertes Angebot. Dass der Vorkurs 2019 an der Schule für Gestaltung Bern und Biel wieder eingeführt wurde, zeigt, wie gross das Bedürfnis weiterhin ist. Finanziert wird er heute jedoch vollständig über die Teilnehmenden und ihre Familien. Der Kanton leistet keine Subventionen. Damit stellt sich zwangsläufig die Frage der Chancengleichheit. Hinzu kommt, dass dieses Angebot im zweisprachigen Kanton Bern bislang nur deutschsprachigen Jugendlichen offensteht.
Die Aufhebung des Vorkurses war kein Zufall, sondern Ausdruck bildungspolitischer Prioritäten. Ein Blick nach Zürich zeigt, dass es auch anders geht. Dort wird die Kreativwirtschaft als bedeutender Wirtschafts- und Innovationsfaktor wahrgenommen und entsprechend gefördert. Das spiegelt sich auch in der Bildungslandschaft: Angebote wie der Vorkurs bleiben öffentlich abgestützt und für breite Bevölkerungsschichten zugänglich.
Gefährdet sind nicht nur einzelne Angebote, sondern eine Form des Lernens, die auf Experiment, Materialerfahrung und eigenständiges Entdecken setzt. Gerade für die Gestaltung einer nachhaltigen, inklusiven und lebenswerten Zukunft brauchen wir solche Räume.
MF Ist der Vorkurs eine Berufsvorbereitung oder eine kulturelle Grundbildung?
Beides. Natürlich ist der Vorkurs eine hervorragende Vorbereitung auf eine gestalterische Berufslehre oder eine weiterführende Ausbildung. Viele junge Menschen gewinnen dort das fachliche Fundament, das ihnen später den Einstieg in die Berufswelt erleichtert.
Für mich persönlich liegt seine Bedeutung aber noch an einem anderen Ort. Als ich mit sechzehn Jahren den gestalterischen Vorkurs in Biel besuchte, war das eines der prägendsten Jahre meines Lebens. Es war ein Jahr zwischen Werkstätten, Ateliers, Materialien, Ideen und Gesprächen. Ein Jahr, in dem man ausprobieren durfte, ohne bereits alles wissen zu müssen. Zum ersten Mal war ich von Menschen umgeben, die ähnliche Interessen hatten und denselben Fragen nachgingen. Dort entstand nicht nur gestalterisches Wissen, sondern auch die Gewissheit, dass meine Zukunft in der Gestaltung liegt. Deshalb würde ich den Vorkurs nicht auf Berufsvorbereitung reduzieren. Seine besondere Stärke liegt darin, dass er jungen Menschen ermöglicht, Fähigkeiten zu entwickeln, Orientierung zu gewinnen und ihren eigenen Weg zu finden. Das ist berufliche Vorbereitung und kulturelle Bildung zugleich.