Werkbrief
Baukultur Ostschweiz
Die Baukultur des Kulturraums Ostschweiz, über die Kantone St. Gallen, Thurgau, und die beiden Appenzell – von Schaffhausen über Liechtenstein und Graubünden bis Glarus – entfaltet sich im Bestand, im Weiterbauen und im präzisen Umgang mit dem Vorgefundenen. Vieles entsteht nicht nur als Einzelstatement, sondern im Zusammenspiel von Landschaft und Geschichte. Genau hier setzt die Arbeit von Rahel Lämmler an.
Landschaft lesen
Die Architektin und Stadtplanerin arbeitet an den Rändern der klassischen Architektur. Sie baut, beobachtet, beschreibt und ordnet. Ihre Texte, Ausstellungen und Buchprojekte richten den Blick auf das, was oft übersehen wird: auf die Verschiebungen im Bestand, auf Infrastruktur, auf Übergänge zwischen Natur und gebautem Raum. Architektur erscheint bei ihr nicht bloss isoliert, sondern immer als Teil eines grösseren Zusammenhangs. Dies eröffnet Perspektiven, welche das Gebaute nicht als abgeschlossenes Objekt verstehen, sondern als fortlaufenden Prozess.
Themen, die für die Baukultur der Schweiz zentral sind: Infrastruktur und Landschaft, Technik und Wahrnehmung, Nutzung und Überformung. Landschaft nicht als rein romantischer Ort, sondern als Arbeitsraum.
Lawinenverbauungen, Staumauern oder Verkehrsachsen sind nicht rein funktionale Elemente; Ihre Arbeit macht sichtbar, dass Baukultur auch dort entsteht, wo sie nicht ausdrücklich als solche benannt wird, sondern sich im Gebrauch, in der Dauer und in der Anpassung zeigt.
Diese Perspektive ist relevant für die Ostschweiz, wo sich viele Qualitäten im Alltäglichen zeigen: im Umbau, in der Weiterentwicklung bestehender Strukturen, im präzisen Umgang mit Topografie. Hier wird sichtbar, wie eng Landschaft und gebaute Eingriffe miteinander verwoben sind.
Schreiben als Praxis
Rahel Lämmlers Texte entstehen aus Beobachtung, aus Recherche, aus Gesprächen. Daraus entstehen Essays, Publikationen oder kuratorische Formate, die nicht nur Antworten liefern, sondern Denkräume. Sie strukturieren Wahrnehmung, ohne sie festzuschreiben, und ermöglichen es, vermeintlich Bekanntes neu zu sehen. Rahel Lämmlers Texte schaffen Aufmerksamkeit für das Bestehende, für Übergänge, für das, was sich nicht sofort erschliesst. Sie lenken den Blick auf das Unscheinbare und geben dem Alltäglichen eine neue Lesbarkeit.
Gerade darin liegt ihre Bedeutung für die Baukultur der Ostschweiz. In einem Umfeld, das nicht bloss durch Ikonisches geprägt ist, braucht es diese Form der Vermittlung. Dies macht sichtbar, was da ist, und schafft ein Bewusstsein für Qualitäten, die oft selbstverständlich erscheinen. Neben ihrer Haupttätigkeit als Architektin und Stadtplanerin, ihrem Engagement für den Schweizerischen Werkbund und publizistischen Tätigkeit engagiert sie sich institutionell für die Baukultur. Neu wurde sie in den Vorstand Architektur Forum Ostschweiz gewählt und leitet die publizistische Plattform Gutes Bauen Ostschweiz. Diese Wahl unterstreicht die Relevanz ihrer Arbeit über die reine Autorinnenschaft hinaus: Sie wird als Stimme wahrgenommen, die Baukultur nicht nur beschreibt, sondern aktiv mitprägt und in einen grossen Kontext stellt.
Gutes Bauen Ostschweiz
Mit Rahel Lämmler und dem Format Gutes Bauen Ostschweiz wird genau dieses Verständnis von Baukultur gefördert. Die Textbeiträge vermitteln qualitätsvolle Bauten, machen Räume sichtbar und stellen sie in gesellschaftliche Zusammenhänge.
Durch Würdigung, Dokumentationen und öffentliche Vermittlung entsteht eine fortlaufende Diskussion darüber, was gutes Bauen in der Ostschweiz bedeutet. Dieser Fokus auf das Bestehende, auf Transformation und auf den sorgfältigen Umgang mit Ressourcen knüpft direkt an jene Perspektiven an, die der Werkbund prägt und weiterdenkt.
Wir freuen uns über Rahel Lämmlers Engagement im Schweizerischen Werkbund.