Ihr Browser ist veraltet. Bitte aktualiseren Sie auf Edge, Chrome, Firefox.
Kontakt Suche

Werkbrief

2/26 – Handel gestalten

Handel gestalten

«Die goldene Ära der Warenhäuser ist vorbei. Heute müssen sie sich neu erfinden», sagt Michel Hueter, Co-Leiter des Kaiserhauses. OF GOODS versteht sich als Antwort auf diese Entwicklung. Der Handel verändert sich und mit ihm die Orte, an denen Produkte verkauft werden.
Werkbrief 2/26, 09.07.2026, Text: Juliane Wolski
Kaiserhaus OF GOODS Marc Faistauer
Kaiserhaus OF GOODS Mirjam Graf

Wer das Kaiserhaus betritt, begegnet deshalb nicht nur Regalen und Verkaufsflächen. Im Obergeschoss wird genäht, getöpfert und repariert, einige Marken nutzen ihre Verkaufsfläche zugleich als Atelier. «Die Leute sollen sehen, was hinter einem Produkt steht», sagt Hueter. Herstellung, Reparatur, Vermittlung und Verkauf rücken räumlich zusammen. Dahinter steht der Anspruch, wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Fragen nicht getrennt, sondern gemeinsam zu verhandeln. Sichtbar werden sollen nicht nur Produkte, sondern ebenso ihre Materialien, Herstellungsprozesse, handwerklichen Fähigkeiten und die Bedingungen ihrer Entstehung. Dadurch rückt der Handel selbst als Teil der Wertschöpfungskette ins Zentrum.

Vom Produkt zum Lebenslauf der Dinge
Seit seiner Gründung beschäftigt sich der Schweizerische Werkbund mit der Frage, wie Gestaltung zur Qualität unseres Alltags beitragen kann. Dazu gehören seit jeher auch Fragen nach Material, Herstellung, Nutzung und Langlebigkeit. Das Kaiserhaus knüpft an diese Tradition an und macht sie dort sichtbar, wo sie heute besonders aktuell wird: im Handel und im Umgang mit Produkten nach dem Kauf.
Damit verschiebt sich der Blick vom einzelnen Produkt auf seinen gesamten Lebenslauf. Gestaltung endet nicht beim Entwurf eines Objekts. Sie umfasst ebenso die Bedingungen, unter denen Dinge gebraucht, erhalten und weitergegeben werden.
Das Kaiserhaus lässt sich deshalb als Versuch lesen, den Gestaltungsbegriff vom Objekt auf die Infrastruktur unseres Umgangs mit Dingen auszuweiten.

Kaiserhaus Ambiance Lynn Piccolruaz
Kaiserhaus Ambiance Lynn Piccolruaz

Ein Gegenentwurf im Wandel des Handels
Preisbewusstsein, digitale Vertriebskanäle und künstliche Intelligenz verändern, wie Produkte gesucht, ausgewählt und gekauft werden. Unternehmen reagieren darauf mit Investitionen in Effizienz, Daten und neue Formen der Kundenansprache.
Für das Kaiserhaus besonders relevant ist ein weiterer Befund des UBS Retail Outlook 2026: Strategische Partnerschaften zwischen Handel und Herstellern gewinnen an Bedeutung. Zugleich zeigt der Bericht, wie voraussetzungsvoll solche Kooperationen sind. Vertrauen, verbindliche Regeln und eine faire Kostenverteilung gelten als entscheidend.
In diesem Umfeld lässt sich der Ansatz des Kaiserhauses einordnen. OF GOODS bringt unterschiedliche Akteur*innen der Wertschöpfung räumlich zusammen und öffnet ihre Arbeit für ein Publikum. Darin liegt das Potenzial, neue Beziehungen zwischen Gestaltung, Produktion und Gebrauch zu erproben.
Ob aus der räumlichen Nähe jedoch eine dauerhaft tragfähige Zusammenarbeit entsteht, wird sich im Alltag des Betriebs zeigen.

Zwischen Anspruch und Tragfähigkeit
Das Kaiserhaus will weit mehr sein als ein Verkaufsort. Es verfolgt wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Ziele. Gerade diese Verbindung macht das Projekt interessant – und anspruchsvoll.
Ob ein solches Modell Bestand hat, entscheidet sich auch nicht allein an seiner Idee, sondern an seiner Organisation. Tragfähige Kooperationen entstehen nicht von selbst. Wie werden Kosten, Risiken und Erträge verteilt? Welche Anreize entstehen für die Beteiligten? Und eröffnet das Modell kleineren Produzierenden tatsächlich neue Handlungsmöglichkeiten – oder vor allem zusätzliche Sichtbarkeit?
Schliesslich stellt sich auch die Frage nach der sozialen Zugänglichkeit. Sie entscheidet sich nicht allein an der Preisstruktur des Sortiments. Ebenso wichtig ist, welche Angebote kostenlos oder niederschwellig zugänglich sind und ob sich der Ort auch ohne Kauf oder Kursteilnahme nutzen lässt. Erst dann wird sich zeigen, ob OF GOODS tatsächlich ein «People’s Place» für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ist oder vorwiegend ein attraktiver Ort für ein bereits sensibilisiertes und kaufkräftiges Publikum.

Kann Gestaltung Verhalten verändern?
Noch grundsätzlicher ist eine Frage, die den Werkbund seit jeher beschäftigt: Kann Gestaltung gesellschaftliches Verhalten verändern?
Das Kaiserhaus geht davon aus, dass Menschen anders konsumieren, wenn sie mehr über Herkunft, Herstellung und Reparatur erfahren. Wenn Produktionsprozesse sichtbar werden und Dinge länger im Gebrauch bleiben, soll sich auch unser Verhältnis zu ihnen verändern.
Handelsanalysen zeigen, dass Konsument*innen heute selektiver entscheiden: Sie sparen in einzelnen Bereichen und geben dort mehr aus, wo sie einen besonderen persönlichen Nutzen erkennen. Gleichzeitig bleiben Preis und Bequemlichkeit starke Entscheidungskriterien.
Reparatur und längere Nutzung sind wichtige Elemente einer Kreislaufwirtschaft. Ob ein solcher Anspruch eingelöst wird, entscheidet sich jedoch ebenso an der Materialwahl, der Kreislauffähigkeit der Produkte, ihrer Rücknahme und Wiederverwendung sowie am Umgang mit nicht verkauften Waren. Entscheidend wird sein, wie diese verschiedenen Aspekte im Kaiserhaus zusammenwirken.

Eine überprüfbare Hypothese
Das Kaiserhaus formuliert weniger eine fertige Lösung als eine Hypothese: dass sich Handel anders organisieren lässt, wenn die Beziehungen zwischen Herstellung, Gebrauch und Werterhalt neu gedacht werden.
Ob diese Annahme trägt, wird sich nicht allein an Besucherzahlen und Umsatz ablesen lassen. Ebenso wichtig wird sein, wie nachvollziehbar sich ihre Ansprüche in der Praxis zeigen: durch transparente Auswahlkriterien, die Nachvollziehbarkeit von Herkunft und Kreislauffähigkeit, die Zahl und Art der Reparaturen sowie dauerhaft entstehende Kooperationen, Ausbildungsangebote und Geschäftsmodelle. Erst daran wird sich entscheiden, ob OF GOODS über ein sorgfältig kuratiertes Sortiment hinaus tatsächlich den Umgang mit Dingen verändert.
Damit wird aus einem konkreten Projekt eine grundsätzliche Gestaltungsfrage: Kann Gestaltung den Handel verändern – oder verändert am Ende doch der Handel die Gestaltung?

 

www.kaiserhaus.ch
www.ofgoods.ch

Kaiserhaus
Marktgasse 37—41
CH—3011 Bern

geöffnet:
Montag–Samstag: 7 –0.30 Uhr
Sonntag: 10–17 Uhr

 

Kaiserhaus