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Werkbrief

3/26 – Critical Fabulation: Im Gespräch mit der Dunkelheit

Critical Fabulation: Im Gespräch mit der Dunkelheit

Künstliches Licht prägt unsere Nächte und verändert, wie wir Dunkelheit wahrnehmen. Die Designerin, Künstlerin und Forscherin Chantal Meng untersucht, wie Beleuchtung unsere Erfahrung der nächtlichen Stadt formt und welche gesellschaftlichen und ökologischen Folgen damit verbunden sind. Im Buch «Gute Nacht – Im Gespräch mit der Dunkelheit» verbindet sie Recherche und Fiktion und arbeitet dabei mit Critical Fabulation.

Werkbrief 3/26, 29.09.2026, Text: Juliane Wolski im Gespräch mit Chantal Meng

Die Dunkelheit wird zur Gesprächspartnerin; ein Fuchs führt durch die nächtliche Stadt. Dabei begegnen uns: ein russisches Weltraumprojekt, das Sonnenlicht auf die Erde spiegeln sollte; ein geplanter künstlicher Mond über Chengdu; die Annahme, mehr Licht mache öffentliche Räume sicherer. Chantal Meng verbindet solche recherchierten Ereignisse und verbreiteten Vorstellungen zu einer Erzählung, die den Menschen aus dem Zentrum rückt.

Dabei arbeitet sie mit Critical Fabulation, einer von der US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Saidiya Hartman entwickelten Methode, die Archivmaterial, kritische Theorie und spekulatives Erzählen verbindet, um Leerstellen historischer Überlieferung sichtbar zu machen. Chantal Meng (*1980) wuchs in der Nähe von Bern auf und absolvierte die Grafik Fachklasse in Biel. Heute lebt und arbeitet sie in Brooklyn; ihre praxisbasierte Promotion in Medien-, Kommunikations- und Kulturwissenschaften schloss sie am Goldsmiths College in London ab. Sie überträgt Hartmans Ansatz in einen anderen Kontext: Sie richtet den Blick nicht auf eine kaum dokumentierte Vergangenheit, sondern auf eine Gegenwart voller Daten und Studien, politischer Entscheidungen und technischer Visionen. Was nehmen wir als selbstverständlich hin? Welche Vorstellungen von Fortschritt, Sicherheit und Lebensqualität bestimmen, was und für wen wir gestalten? Und was verändert sich im Gestaltungsprozess, wenn Critical Fabulation uns dazu bringt, andere Fragen zu stellen?

JW: Deine Auseinandersetzung mit Dunkelheit begann mit der Fotografie. In «Gute Nacht» wird sie schliesslich zu einer Figur, mit der du ein Gespräch führst. Wie kam es zu dieser Verschiebung?

CM: Die Verschiebung von der Fotografie zur Zeichnung und schliesslich zum Geschichtenerzählen ist organisch aus meiner Arbeit heraus entstanden. Ich beschäftige mich nun seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem Thema Dunkelheit und deren Wahrnehmung, vorwiegend im urbanen Raum. Dabei integriere ich drei praktisch-methodische Ansätze in meine Forschungsarbeit: Fotografie, Zeichnung und Fabulation. Zuerst testete ich mit der Fotografie die Bildsprache der Dunkelheit, aber auch die Grenzen des Mediums selbst. Mit der Erfindung der Fotografie haben wir auch gelernt, auf eine bestimmte Art zu sehen und wahrzunehmen, gerade was die Übersetzung von Licht und Schatten in Bilder betrifft. Irgendwann wurde mir aber klar, dass die Fotografie für das, was mich an der Dunkelheit interessiert, bestimmte Defizite hat. Ich begann zu zeichnen, um mich von dieser fotografischen Bildsprache zu lösen und einen anderen Zugang zu finden. Mit «Night Drawing», einem von mir organisierten Format, bei dem wir uns als Gruppe nachts zeichnend durch den Stadtraum bewegen und Dunkelheit unmittelbar wahrnehmen und erkunden, rückten auch das Kollektive und die phänomenale Wahrnehmung in den Vordergrund. Doch auch die Zeichnung brachte immer wieder die Frage nach Realität und ihrer Abbildung ins Spiel. Schliesslich bin ich beim Geschichtenerzählen gelandet, einer Form, die mir erlaubt, über das Sichtbare hinauszugehen, zu spekulieren und Wahrnehmung und Erfahrung weiterzudenken. Die Dunkelheit selbst bietet mir als Figur die Möglichkeit, verschiedene Sichtweisen miteinander zu verstricken und Verbindungen herzustellen, ohne das Historische und gewisse Fakten ausser Acht zu lassen. Ich sehe es als eine Neubetrachtung dessen, was gewesen ist, aber auch dessen, was hätte sein können oder noch sein könnte.

JW: Du beschreibst das Geschichtenerzählen als eine Möglichkeit, über das Sichtbare hinauszugehen. Die erste Version von «Good Night» entstand als Epilog deiner Dissertation. Wie wurde aus deiner Forschung eine Erzählung?

CM: Die Schauplätze der Geschichte – London, Schottland und schliesslich New York – sind allesamt Orte, an denen ich gearbeitet habe. Auch die politischen Ereignisse, die in die Erzählung einfliessen, haben sich mehrheitlich während dieser Zeit ereignet. Sie waren für mich Aha-Erlebnisse und zugleich konkrete Beispiele für mein Anliegen, die Dunkelheit neu zu betrachten, vielleicht sogar neu zu konzeptualisieren. Im Epilog meiner Dissertation wollte ich diese Erfahrungen nochmals zusammenführen und den langen Weg reflektieren, den so ein PhD mit sich bringt. Nach dieser langen Strecke trockener Paragraphen habe ich mir die Freiheit genommen, den klassischen akademischen Ton etwas zu ignorieren. Mich hat ohnehin immer interessiert, wie ich meine Arbeit auch ausserhalb des akademischen Raumes zugänglich machen kann, und Storytelling schien mir dafür eine willkommene Form. Ich bin in einem Nicht-Akademiker-Haushalt aufgewachsen und fand es häufig etwas irritierend, dass akademische Essays oft nicht so einfach zu lesen und zu verstehen sind. Als visuelle Person ist das Erzählen für mich quasi wortwörtlich ein fantastisches Format, um soziale, politische oder ökologische Zusammenhänge aufzuzeigen. Inzwischen arbeite ich daran, diese Form in die Performance- und Theaterwelt zu übersetzen: Wie könnten wir Forschung als Methode auf die Bühne bringen?

JW: Bleiben wir nochmals bei der Fabulation. Du beziehst dich auf einen Ansatz, den Saidiya Hartman in ihrer Auseinandersetzung mit den gewaltvollen Leerstellen historischer Archive zur Versklavung entwickelt hat. Deine Ausgangslage ist eine andere: Du arbeitest mit einer gut dokumentierten Gegenwart. Was interessiert dich gerade unter diesen Voraussetzungen an Critical Fabulation?

CM: Angesichts der akuten Herausforderungen und des Tempos, mit dem sich unsere Umwelt verändert, brauchen wir den Mut, neue Wege zu gehen und dabei auch etablierte Methoden zu hinterfragen, gerade in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Hartman macht uns darauf aufmerksam und fordert uns heraus, zu hinterfragen: Wer schreibt Geschichte? Wem gehört diese Geschichte? Was ist die Funktion des Archivs? Wer sitzt am Hebel, wenn es darum geht, Geschichte zu gestalten, zu archivieren, zu schreiben und zu vermitteln? Und wie beeinflussen diese Methoden das Jetzt? Die Fabulation an und für sich verstehe ich als eine Chance, aktuellen Herausforderungen anders und produktiv – nicht im Sinne von Output, sondern von Transformation – entgegenzutreten. Im Design sehe ich dabei Parallelen zu spekulativen Ansätzen. Zum Beispiel finde ich Anthony Dunne und Fiona Raby inspirierend mit ihrem Ansatz, nicht einfach nach funktionalen Designlösungen zu streben, sondern Prozesse und Erfindungen zu fördern, die durchaus absurd oder dysfunktional erscheinen mögen. Spekulative und fabulierende Praktiken sind für mich ein Experimentieren nach vorne, mit viel Potenzial: Sie erlauben, «Fehler», wenn wir diesen Begriff denn überhaupt brauchen wollen, von vornherein mitzudenken, auszuprobieren, sich auf Glatteis zu begeben und Vision, Fiktion und Dokumentarisches beziehungsweise Wissenschaftliches gleichzeitig passieren zu lassen. Gerade darin sehe ich eine Verbindung zum Design, wenn nicht nur das Produkt, sondern auch der Prozess im Zentrum steht.

JW: In «Gute Nacht» spielen dabei zwei ungewöhnliche Figuren eine zentrale Rolle: Ein Fuchs führt durch die Ereignisse, die Dunkelheit wird zu deiner Gesprächspartnerin. Was ermöglichen dir diese nichtmenschlichen Stimmen?

CM: Ich ertappe mich fortwährend dabei und muss mich immer wieder anstrengen, nicht in die Schwarz-Weiss-Schublade zu fallen. Es ist mir ein grosses Anliegen, mein Umfeld und meine Umwelt nicht nur aus einer Blickrichtung zu betrachten. Es ist ein bisschen wie bei Yogaübungen: darauf achten, dass man nicht steif wird. Und das ist tatsächlich oft gar nicht so einfach, vor allem für jemanden wie mich, der in den Bergen, in den Voralpen, in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist und manchmal gar wenig Weitsicht hatte. Das elektrische Licht ist ein ausgezeichnetes Beispiel für Fortschritt, aber eben auch für Macht und Design: dafür, wie es neben der offensichtlichen Funktion des «Lichtgebens» weitere Funktionen erfüllt oder eben auch nicht erfüllt – etwa Sicherheit zu schaffen, Kontrolle auszuüben oder überhaupt bestimmte Formen des nächtlichen Lebens zu erlauben. Sowohl den Fuchs als auch die Dunkelheit zu Wort kommen zu lassen, ermöglicht es mir auf eine einfache, aber auch kritische Weise, mich selbst und hoffentlich auch die Leser:innen in etwas anderes hineinzuversetzen. In Anlehnung an Donna Haraway wird damit zugleich die Vorstellung des Menschen als autonome, zentrale Einheit infrage gestellt. Sie nennt das «becoming-with»: Wir werden erst durch unsere Beziehungen zu anderen erst zu dem, was wir sind. Dabei wird für mich auch sichtbar, wie schwer es ist, den Status quo zu durchbrechen. Ich denke hier immer an das Album «Shaking the Habitual» von The Knife. Gewohnheiten aufzubrechen ist schwer. Es braucht Training, und Training ist anstrengend.

JW: Gewohnheiten prägen nicht nur unsere Wahrnehmung, sondern auch, wie wir unsere Umwelt gestalten. In deinem Buch begegnen uns sehr unterschiedliche Eingriffe in die Nacht: Strassenbeleuchtung soll Sicherheit schaffen, Infrastruktur wird zum Lichtspektakel, ein künstlicher Mond soll die Nacht erhellen. Wer bestimmt eigentlich, wie unsere Nacht aussieht und wessen Bedürfnisse dabei zählen?

CM: In meiner Arbeit ist mir immer bewusst, dass ich angesichts der komplexen sozialen Ökologien der grossen urbanen Zentren, in denen ich arbeite, nicht die gesamte Bandbreite der Erfahrungen ihrer Bewohner:innen erfassen kann, über Unterschiede in Herkunft, Geschlecht, Alter, Klasse und körperlichen Voraussetzungen hinweg. Die urbane Nacht in privilegierten Teilen Londons oder New Yorks unterscheidet sich deutlich von jener in weniger privilegierten Gegenden. Wieder anders wird sie in einer kleinen ländlichen Stadt, einer ehemaligen Industriestadt im Norden Englands oder etwa in Shenzhen erfahren.

Wer unsere Nacht gestaltet und nach welchen Interessen und Bedürfnissen, lässt sich deshalb nicht mit einer einzigen Antwort klären. Licht und die Gestaltung der Nacht sind immer auch Ausdruck sozialer, politischer und ökonomischer Bedingungen. Genau diese Unterschiede interessieren mich: Mit «Night Drawing» versuche ich, unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen sichtbar zu machen und einen Raum zu schaffen, in dem wir darüber nachdenken können, wie viel Licht und wie viel Dunkelheit wir eigentlich wollen.

Ich wünsche mir, dass meine Arbeit in unterschiedlichen Kontexten weitergeführt wird und so zu einem stärker intersektionalen und kulturübergreifenden Verständnis davon beiträgt, wie Nacht gestaltet und erfahren wird und wessen Bedürfnisse dabei berücksichtigt werden.

JW: Wenn wir den Blick zum Schluss nochmals über die Nacht hinaus richten: Was kann Critical Fabulation für gestalterisches Denken und Handeln eröffnen?

CM: Ich denke, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir versuchen können, ja gar müssen, bestimmte Grenzen infrage zu stellen. Das mag zunächst etwas radikal klingen, aber gerade im Klassenzimmer und in der Arbeit mit jungen Designer:innen merke ich immer wieder, wie hohe, feste, massive Grenzen und Mauern unsichtbar im Raum stehen – the elephant in the room. Es scheint schwieriger denn je, sich Neues und Ungewisses auszudenken. So jedenfalls erklären es mir meine Studierenden. Also müssen wir üben, üben, üben: Cross-disciplinary Thinking. Zwischen Disziplinen, zwischen richtig und falsch, zwischen Fakt und Fiktion, zwischen dem, was man darf, und dem, was man sich überhaupt vorstellen kann. Und ich nehme mich davon natürlich nicht aus. Für mich bedeutet Critical Fabulation deshalb auch «Unlearning»: den Mut zu haben, Dinge anders zu denken, andere Wege auszuprobieren und nicht immer dort anzufangen, wo wir bereits wissen, wo wir landen werden. Das ist vielleicht die eigentliche Chance dieser Methode: nicht nur anders über Wirklichkeit zu erzählen, sondern auch andere Fragen an sie zu stellen und dadurch vielleicht auch anders zu gestalten.

JW: Chantal, vielen Dank für das Gespräch.

CM: Danke dir! Good Night, and Good Luck.

 

 

Chantal Meng: Good Night – In Conversation with Darkness / Gute Nacht – Im Gespräch mit der Dunkelheit, Vexer Verlag, 2026Gestaltung: Juliane Wolski

ISBN 978-3-907690-17-8Erscheint Ende September 2026 und kann beim Vexer Verlag bestellt werden. https://vexer.ch/products/good-night-in-conversation-with-darkness-gute-nacht-im-gesprach-mit-der-dunkelheit

https://www.vexer.ch/