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Werkbrief

1/25 – 2025: Jahr des öffentlichen Raums

2025: Jahr des öffentlichen Raums

Thematisch im Zentrum dieses Jahres stand für den Werkbund der öffentliche Raum. Nicht als abstrakter Begriff, sondern als konkretes Arbeitsfeld: als Gegenstand gesellschaftlichen Aushandelns und als gemeinsame Verantwortung von Gestaltung, Politik und Zivilgesellschaft. Die Werkbundtagung und die Werkbundversammlung im Mai in Biel/Bienne sowie der Werkpreis 2025 für den öffentlichen Raum haben diese Auseinandersetzung auf sich ergänzende Weise sichtbar gemacht.

Werkbrief 1/25, 15.12.2025, Text: Mathis Füssler
Jurierung des Werkpreises im April 2025 im Ersatzneubau der Baugewerblichen Berufsschule Zürich (BBZ), vor dessen Eröffnung. BIld: Mathis Füssler

Biel/Bienne – bewusst gewählter Ort

Die Mitgliederversammlung und der Werkbundtag fanden im Mai 2025 in Biel/Bienne statt. Diese Stadt steht in besonderer Weise für das, was den Werkbund seit jeher interessiert: Übergänge, Mehrsprachigkeit, industrielle und kulturelle Geschichte, urbane Transformation und die Frage, wie öffentlicher Raum genutzt, gestaltet und wahrgenommen wird.

Die Wahl dieses Ortes war also Programm. Biel/Bienne liegt nicht nur geografisch zwischen der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz, sondern ist auch kulturell und sozial ein Ort der Vermittlung. Die Werkbundversammlung nutzte diesen Kontext bewusst, um Fragen des öffentlichen Raums nicht isoliert, sondern eingebettet in realen urbanen Situationen zu diskutieren.

Der Werkbundtag – er ist auf dieser Website dokumentiert – verband Vorträge, Gespräche und Begehungen. Es ging um Gestaltung und Verantwortung, um Planung und Aneignung, um Stadtgeschichte und zukünftige Nutzung. Dabei wurde deutlich: Öffentlicher Raum ist kein fertiges Produkt, sondern ein Prozess; er ist geprägt von gesellschaftlichen Entwicklungen und Interaktionen, von politischen Entscheidungen und gestalterischen Haltungen.

Palais des congrès Biel/Bienne. Bild: Björn Siegrist

Der Werkpreis 2025 – öffentlicher Raum als gemeinschaftliche Aufgabe

Mit dem Werkpreis 2025 für den öffentlichen Raum hat der Schweizerische Werkbund einen thematischen Schwerpunkt gesetzt, der weit über eine einzelne Auszeichnung hinausgeht. Der Werkpreis versteht sich nicht als Wettbewerb im klassischen Sinn, sondern als Instrument der Sichtbarmachung und Diskussion.

Die Resonanz auf die Ausschreibung war enorm: Genau 100 Projekte wurden eingereicht. Diese Zahl ist nicht nur quantitativ bemerkenswert, sondern zeigt auch, wie breit und vielfältig das Verständnis von öffentlichem Raum ist. Es zeigt auch, wie stark die Ausstrahlung des Werkbunds auch in diesem Wirkungsbereich der Baukultur ist.

Eingereicht wurden Projekte aus Architektur, Landschaftsarchitektur, Kunst, Design, Vermittlung und interdisziplinären Feldern – «Guerilla»-Aktionen,  realisierte Eingriffe und langfristige Prozesse.

Der öffentliche Raum wurde dabei nicht nur als physischer Ort verstanden, sondern als sozialer, kultureller und politischer Raum. Viele Projekte thematisierten Fragen von Zugänglichkeit, Teilhabe, Nachhaltigkeit und Identität. Andere setzten sich mit temporären Nutzungen, mit Interventionen im Bestand oder mit neuen Formen der Zusammenarbeit auseinander.

Die Arbeit der Jury – deren Zusammensetzung und Kriterien transparent auf der Website des Werkpreises dokumentiert sind – folgte dabei dem Anspruch des Werkbunds, Qualität nicht eindimensional zu definieren. Entscheidend waren nicht formale Lösungen allein, sondern Haltung, Kontextbezug und gesellschaftliche Relevanz.

Die Preisverleihung in Baden, begleitet von Gesprächen und Präsentationen, machte Vielfalt sichtbar. Sie war weniger Abschluss als Auftakt einer weiterführenden Diskussion über den Zustand und die Zukunft unseres öffentlichen Raums.

Festakt beim Siegerprojekt Bagni Popolari Baden und Ennetbaden. Bild: Beda Füssler
BIld: Louise Martig
BIld: Louise Martig
BIld: Louise Martig
BIld: Louise Martig
BIld: Louise Martig
BIld: Louise Martig

Jahr der Klärung

2025 deutlich gezeigt hat sich eine Arbeitsweise, die den Werkbund seit jeher prägt, aber in diesem Jahr besonders klar zum Ausdruck kam: Positionierung durch Argumentation, nicht durch Zuspitzung.

In einer gesellschaftlichen Situation, in der öffentliche Debatten oft polarisiert geführt werden, hat der Werkbund bewusst auf Differenzierung gesetzt. Die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum wurde nicht als moralischer Appell formuliert, sondern als fachlich und professionell fundierte Diskussion. Gestaltung wurde nicht isoliert betrachtet, sondern im Kontext.

Im Jahr 2025 hat der Schweizerischen Werkbund auch organisatorisch einen Sprung vorwärts gemacht. Es war ein Jahr der Klärung. Ein Jahr, in dem sich viele Prozesse sichtbar gebündelt haben: organisatorisch, inhaltlich und gesellschaftlich. In einer Zeit, in der gestalterische Disziplinen unter ökonomischem, technologischem und politischem Druck stehen, hat der Werkbund seine Rolle geschärft – als interdisziplinäres Netzwerk, als Ort des Miteinanders und als Stimme für die Qualität unseres gebauten, gestalteten und kulturellen Umfelds.

Diese Haltung ist Ausdruck eines Selbstverständnisses, das Gestaltung als kulturelle Praxis sieht – mit Verantwortung, aber auch mit Offenheit für Widersprüche und unterschiedliche Perspektiven.

Besonders erfreulich ist, dass sich diese Arbeit in den Mitgliederzahlen widerspiegelt. Nach Jahren des Rückgangs verzeichnet der Schweizerische Werkbund wieder einen Zuwachs. Dieses Wachstum ist kein Selbstzweck, sondern ein Indikator dafür, dass die Themen, die der Werkbund setzt, auf Resonanz stossen – in allen Generationen,  bei jüngeren Gestalterinnen und Gestaltern, bei interdisziplinär arbeitenden Fachpersonen. Dies ist ein Zeichen dafür, dass eine sachliche, reflektierte und zugleich engagierte Haltung in gesellschaftlichen Fragen geschätzt und gelebt wird.

Mit dem Blick nach vorne zeichnet sich ab, dass 2026 kein Bruch, sondern eine Weiterführung sein wird. Die Sektionen und der Vorstand planen auch weiterhin Formate, die Austausch ermöglichen und Diskussionen im Kleinen als auch im regionalen und nationalen Rahmen anstossen: Die Zusammenarbeit der Geschäftsstelle mit den Sektionen spielt dabei eine zentrale Rolle – nicht als nachgeordnete Strukturen, sondern als inhaltlicher Motor. Der Werkbund geht gut vorbereitet ins 2026.

Dieser Werkbrief blickt also zurück auf ein Jahr, das nicht nur kraftvoll war, sondern auch klar. Er markiert den Übergang in ein Jahr 2026, in dem der Werkbund all dies weiter vertiefen wird.