Werkbrief 5/2011

Im «WerkBrief» 5/11 berichten Jasmine Wohlwend und Thomas Gnägi vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern über ihre Forschungsarbeit zum Buchprojekt «100 Jahre Werkbund», beantwortet Neu-Mitglied Philippe Weissbrodt 7 Fragen zu seiner Tätigkeit und Motivation, gratulieren wir Robert Albertin zum Solarpreis 2011 und begrüssen wir Monika Imboden als neue Geschäftsführerin des SWB.

 

«Zur Geschichte des Schweizerischen Werkbunds SWB»

Von Leonhard Fünfschilling

Der Schweizerische Werkbund (SWB) umfasst acht Ortsgruppen und zählt zur Zeit rund 900 Mitglieder, die vornehmlich gestalterischen Berufen angehören. Den SWB gibt es seit bald 100 Jahren. Über ihn zu sprechen, heisst deshalb auch danach zu fragen, wie er entstanden ist und wie er sich entwickelt hat.

Ein Teil der Ideen und Motive, die 1907 zur Gründung des Deutschen Werkbundes (DWB) und sechs Jahre später des SWB geführt haben, reichen bis weit ins 19. Jahrhundert zurück. Sie hatten mit der Frage zu tun, wie im Zeitalter der industriellen Produktion die alltäglichen Gegenstände bis hin zur Architektur zu gestalten seien. Dahinter stand das Erschrecken über den «Kulturzerfall», den die Industrie in den Augen der kritischen Zeitgenossen auf dem Gebiet der Gestaltung bewirkte. Gemeint war damit die eklektizistische Art und Weise, wie sich die damaligen Gestalter industrieller Produkte im Zeichen des Historismus der Formen bedienten, welche die Kulturgeschichte als Vorlagen bereit hielt. Mit anderen Worten: Die Industrie applizierte den maschinell hergestellten Gegenständen an Formen, was dem vorherrschenden Zeitgeschmack entsprach und sich verkaufen liess. Diese Haltung ist ja auch dem Industrial Design von heute nicht fremd, doch inzwischen liegt eine erfahrungsreiche Geschichte hinter uns, in der sich Industrie und Gesellschaft aneinander gerieben und weiter entwickelt haben.

Suche nach einem zeitgemässen Stil

Werfen wir also zuerst einen kurzen Blick zurück. Diese Geschichte hätte gewiss einen anderen Verlauf genommen, wäre sie nicht seit ihren Anfängen von grundsätzlicher Kritik seitens der gestalterisch Interessierten begleitet gewesen. Am einflussreichsten war anfänglich die englische Arts and Crafts-Bewegung. Ihr ging es um eine Wiederbesinnung auf die Qualität kunsthandwerklicher Meisterleistungen. Daran sollte sich die Gestaltung wieder orientieren, und zwar ohne die üblichen Rückgriffe auf den historistischen Formenschatz. Man ging davon aus, dass so auch zeitgemässe Vorlagen für die industrielle Produktion entstehen würden. Aus dieser Bewegung ist der Jugendstil hervorgegangen. Doch als die Industrie anfing, sich seiner zu bedienen, rief dies erneute Kritik auf den Plan: diesmal jene der Werkbundgründer, die sich vom Jugendstil abwandten. Ihrer Überzeugung nach konnte der allseits gesuchte neue und zeitgemässe Stil nicht gegen die Industrie, sondern nur mit dieser zusammen entwickelt werden.

In diesem Gedanken und seinem Niederschlag in unzähligen beispielhaften Industrieprodukten liegt denn auch der besondere Beitrag des Werkbundes zur Kulturgeschichte der Moderne im 20. Jahrhundert. Der Deutsche Werkbund hat damit schon vor dem Ersten Weltkrieg den Weg vorgezeichnet, auf dem sich in den Zwanzigerjahren entwickeln konnte, was wir heute als Moderne oder auch als Funktionalismus in der Gestaltung bezeichnen.

symbolbild

BlickMal/Point de vue: Hans Finsler (Sammlung SWB)