Archiv

Geschichte des Werkbundes – seit 1913

In seinen jungen Jahren war der Werkbund Teil der gesamtgesellschaftlichen Veränderung, die heute Moderne genannt wird. Die industrielle Arbeitswelt brachte nicht nur Wohlstand, sondern auch Ungleichheiten, die «Umwertung aller Werte» und eine Krise des Kunsthandwerkes mit sich. Dies rief eine Vielzahl von Reformbestrebungen hervor und führte u.a. 1907 zur Gründung des Deutschen Werkbundes, 1913 dann des Schweizerischen Werkbundes und der Westschweizer Gruppierung «L’OEUVRE». Über den Vereinszweck lesen wir in den ersten Statuten: «Das Ziel des SWB ist die künstlerische Veredelung der gewerblichen und industriellen Arbeit. Dieses Ziel sucht der SWB zu erreichen durch die Zusammenarbeit von Künstlern, Handwerkern und Industriellen.»

Die ersten fünfzig Jahre des SWB waren geprägt von einer konfliktreichen Polarität: Hier das Streben nach dem vom Staub der Akademien befreiten, individuell durchdrungenen Gesamtkunstwerk, dort ein moderner Technikglaube mit industrieller Standardisierung und einem Schönheitsideal, das aus der optimalen Zweckerfüllung hervorging. Im 1914 losgetretenen sogenannten Typenstreit standen sich industriegläubige «Typus»-Anhänger und kunsthandwerklich orientierte «Gestalt»-Vertreter jahrelang unversöhnlich gegenüber.

Besonders ruhmreiche Zeiten erlebte der Werkbund in der Ära des «Neuen Bauens», der Werkbundsiedlungen und «der neuen fotografie» (Zwischenkriegszeit) oder später dank der SWB-Auszeichnung «Die gute Form / la forme utile» (1950er/60er Jahre). Im historischen Rückblick mag der Eindruck entstehen, der Werkbund habe hier erfolgreich zu einer unitée de doctrine gefunden. In Wahrheit verstummten selbst in dieser Zeit die Stimmen traditionalistischer Kritiker oder fortschrittlicher Aufklärer im Werkbund, die sich an den Einseitigkeiten des orthodox-modernen Glaubensgebäudes störten, nicht.

Vor dem Hintergrund dieser Streitkultur widersetzte sich der Werkbund in Deutschland 1934 dem Verlangen des Nazi-Regimes nach einer allgemeinverbindlichen Kunstauffassung – was faktisch zu seiner Auflösung führte. Ungefähr zur gleichen Zeit kamen sich in der Schweiz unter dem Gebot einer «Nationalen Besinnung» avantgardistische Werkbundideen und Landigeist, Fortschrittshoffnung und Heimattum zwangsläufig näher — nicht ohne heftige, zum Teil öffentlich ausgetragene Diskussionen.

Nach 1968 verknüpfte eine neue SWB-Generation die Gestaltungsthematik mit grundsätzlichen Fragen der Gesellschafts- und Umweltentwicklung. Die 1970 revidierten Statuten des SWB brachte es zum Ausdruck: «Ziel und Aufgabe des Werkbundes ist die Gestaltung der Umwelt in ihrer Gesamtheit.»

Heute stehen kontroverse Meinungsaustausche über verantwortungsbewusstes, nachhaltiges, transdisziplinäres Gestalten im Kontext von Kultur und Gesellschaft im Mittelpunkt des SWB. Sie prägen das Selbstverständnis des Werkbundes als Vereinigung kritischer Kulturschaffender mit hoher Gestaltungsethik.